Der folgende Text stammt aus dem Jahr 1954 und wird im Original wiedergegeben. Formulierungen und Perspektiven entsprechen dem Zeitgeist der Nachkriegszeit.
Vrasselt, unsere Heimat !
Eine Darstellung aus dem Jahr 1954
Da Vrasselt in der ältesten Geschichte immer mit Emmerich verbunden genannt ist, geben uns Urkunden und Schriften aus dem Archiv in Emmerich Aufschluß über die Geschichte und Entwicklung unseres Heimatdorfes. Den Namen Vrasselt finden wir in den verschiedensten Abwandlungen, wie Vrasle oder Wrasselt. Es wird nach dem Altdeutschen abgeleitet von Pver-ass-el, was "oberes Waldende" bedeutet, also oberhalb Emmerichs lag, wogegen unterhalb Emmerich das Gut Hass-end bwz. Asselt, gleich "unteres Waldende", lag.
Im 3. und 4. Jahrhundert besetzten die Hatturier, ein germanischer Stamm, mit ihren riesigen Scharen den langen, schmalen Strich des rechtsrheinischen Rheinufers von Duisburg abwärts bis Emmerich. Der Name "Hetter" hält noch die Erinnerung an dieses Volk wach. Später hatten die Hatturier ihren Wohnsitz sogar über den Rhein, also linksrheinisch, ausgedehnt. Dieser geschichtliche Vorgang wird durch die gleichen bzw. ähnlich klingenden Ortsnamen auf der gegenüberliegenden Rheinseite bewiesen. Im Kreise Rees und Umgebung kommen mehrere Ortsnamen vor, die an der linken Rheinseite ebenfalls angetroffen werden. Genannt seien die Orte Bienen, Brünen, Dornick, Etten bei Montferland, Mehr, Millingen, Netterden, Haldern, Rees, Speldrop und Vrasselt. Diesen Orten entsprechen auf der linken Rheinseite Bimmen, Briemen, Dornick zwischen Rhein und Waal in Holland, Etten bei Gennep, Mehr, Millingen, Nütterden, Halderen und Ressen zwischen Rhein und Waal in Holland, Speldrop und Frasselt bei Kranenburg. Die linksrheinischen Orte liegen stromabwärts, was man damit erklärt, daß beim Übersetzen die Flöße stromabwärts trieben und darum auch hier die neuen Siedlungen entstanden, also weiter westlich.
Die Übereinstimmung dieser beiderseitigen Ortsnamen rührt von der Übersiedlung von Osten nach Westen her, eine Beobachtung, die man zur Zeit der Völkerwanderung überall feststellen kann. Die ehedem hier im Kreise Rees wohnenden Germanen haben nach ihrer Abwanderung dem neuen Wohnsitz, zum Gedenken an die alte Heimat, den gleichen Namen gegeben. Die späteren politischen Verhältnisse hier am Niederrhein sind auf Jahrhunderte hin nicht bekannt. Erst Urkunden aus dem 12. und 13. Jahrhundert erzählen von dem clevischen Grafen, der hier große Bauernhöfe besaß und einen davon dem Kloster Bedburg schenkte. Eine Urkunde erzählt, daß Ritter Stefan van Zulen am 4.Dezember 1370 dem Kirchspiel Vrasselt ein Grundstück zur Anlage eines Friedhofes und zum Aufbau einer Kapelle schenkte, die von der Aldegundiskirche in Emmerich unterstellt werden sollte. Eine andere von 1542 zählt die Ortsnamen und Bauernschaften auf, die zur Nieder- und Oberhetter gehörten. Zur Niederhetter gehörten Vrasselt und Netterden, zur Oberhetter Dornick, Praest und Millingen. Eine weitere Urkunde aus dem Jahre 1602 erzählt von einem Deichbruch in der Niederhetter. Es wurde bestimmt, daß der "Rhyndyk in de Hetter" wieder gemacht werden mußte und alle Unwilligen, auch die aus der "Burschaft" Vrasselt, dazu gezwungen werden sollen.
Noch weitere Urkunden erzählen uns über unsere Vorfahren und von der Ortschaft Vrasselt, unserem Heimatdorf. Es ist gelegen zu beiden Seiten der Bundesstraße 8, drei Kilometer östlich von Emmerich, der letzten Stadt vor der Grenze gegen Holland. Es ist eine gemischte Siedlung, worin Bauern den fruchtbaren Boden bestellen und gute Ernten erzielen, worin viele Siedler ihr Eigentum hegen und pflegen und die Bewohner in der heimischen Ziegelindustrie oder im benachbarten Emmerich Beschäftigung finden. Vier Ziegeleien, wovon eine Steine, zwei Dachziegel und eine verschiedene Artikel der Bauindustrie liefern, haben sehr guten Absatz, was bei der augenblicklichen Bautätigkeit verständlich ist. Viele Einheimische finden hier ihre lohnende Beschäftigung. Heute zählt Vrasselt über 1000 Einwohner, eine Zahl, die in den letzten Jahren durch Neusiedlung und Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ostzone erreicht wurde. Kirche und Schule, die durch die Kriegseinwirkungen arg gelitten haben, sind inzwischen ausgebessert bzw. neu erstanden. Die Kirchturmspitze fehlt noch, und das Äußere der Kirche zeigt manche Kriegswunde. Es ist hier wohl schon viel ausgebessert, aber zur Entschuldigung sei gesagt, daß die ganze Renovierung durch das Polenlager bald um zwei Jahre verzögert wurde. Durch Anordnung der Militärregierung mußte nach Beendigung des Krieges der Teil Vrasselts geräumt werden, der zwischen Landstraße und dem Rheindamm liegt. Was vom Kriege verschont geblieben war, haben die hier einziehenden Polen in sinnloser Weise vernichtet. Sie begnügten sich nicht damit, in dem ihnen zugewiesenen Raum zu bleiben. Sie machten Raubzüge überall hin, und so hatte auch der übrige Teil Vrasselts in dieser zeit viel auszustehen. Manches Tier wurde über Nacht abgeschlachtet und dann von diesen Übeltätern in den Großstädten zu teuren Preisen verkauft. Groß waren sie auch in der Herstellung von Kartoffel- bzw. Rübenschnaps, wobei alles irgendwie erreichbare Holz zum Brennen herhalten mußte. Mancher Heuboden in den Scheunen, ja sogar die Fußböden aus den Wohnungen wurden hierzu verbraucht. Nach dem Abzug fanden die Bewohner ihre Wohnungen in unwürdigem Zustand wieder. Die Möbel waren verschleppt, jedenfalls waren in keinem Hause die Möbel, die dort hingehörten. Es begann nun ein allgemeines Suchen nach den eigenen Sachen, wobei man feststellen mußte, daß viele Möbel fehlten, woraus die Polen Koffer gemacht hatten oder von ihnen verkauft worden waren. Alle waren froh, daß im Oktober 1946 diese Fremdvölker abzogen und nun hier in Vrasselt wieder normale Zustände zurückkehrten und der Wiederaufbau beginnen konnte. So kann man jetzt bei einem Rundgang durch das Dorf kaum noch feststellen, daß hier vor rund neun Jahren Frontgebiet war. Es zeigt uns ein Bild der friedlichen und fleißigen Arbeit, wo zufriedene Menschen leben.
Eberhard Hövelmann



